Herzlich willkommen auf den Internetseiten der Kirchenmusik in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland!

Kirchenmusik - das ist Singen der Gemeinde, Orgelspiel, Klang der Posaunenchöre, Chorgesang, Konzert ... und die ganze Vielfalt traditioneller und neuer Kompositionen, die auf ihre Weise Gottes Wort verkündigen, die erfreuen, trösten und zum Glauben einladen.

Viele Menschen in unseren Kirchengemeinden haben besonderen Anteil daran, dass Kirchenmusik erklingt und gepflegt wird: Sängerinnen und Sänger in den Erwachsenen-, Jugend- und Kinderchören, Bläserinnen und Bläser in den Posaunenchören, Mitglieder von Instrumentalgruppen und Bands, neben- oder ehrenamtlich tätige Chorleiterinnen, Chorleiter, Organistinnen und Organisten sowie die hauptberuflichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker.

Auf landeskirchlicher Ebene unterstützen und fördern die Kirchenmusik

  • das Referat Gemeinde/Kirchenmusik im Landeskirchenamt
  • das Zentrum für Kirchenmusik in Erfurt
  • das Posaunenwerk
  • das Kirchenchorwerk
  • der Kirchenmusikerverband
  • die kirchenmusikalischen Ausbildungsstätten

In den Propsteien und Kirchenkreisen sind Propsteikantorinnen und Kreiskantorinnen und -kantoren eingesetzt, die in diesen Regionen besondere Verantwortung für die Kirchenmusik tragen.

Wort zur Woche

Im Themenjahr "Reformation und Musik" bezieht sich das "Wort zur Woche" in der mitteldeutschen Kirchenzeitung GLAUBE+HEIMAT auf das Wochenlied. Autoren sind dabei auch Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker.  Die Texte können Sie hier nachlesen:

 

13. Mai 2012

Ein Trost auch in schwerer Zeit

Von allem Übel uns erlös; es sind die Zeit und Tage bös.
Erlös uns von ewigen Tod und tröst uns in der letzten Not.
(Evangelisches Gesangbuch 344, Vers 8)

Rogate heißt dieser Sonntag im Jahreskreis der Kirche – »Betet!« Was liegt da näher als das Gebet des Herrn, »Vater unser im Himmelreich«, das Lied der Woche, das Martin Luther 1539 gedichtet hat.

Viele Liederdichter und Komponisten haben sich des Vaterunsers angenommen. Von Martin Luther und Samuel Scheidt über Hans Leo Haßler bis hin zu Jochen Rieger reicht die Reihe. Sie alle haben uns durch ihre Kompositionen das Gebet in Text und Musik nähergebracht, einfühlsam und erfahrbar gemacht. Gerne erinnere ich mich hier an eine musikalische Freizeit, die wir vor einigen Jahren zum Thema veranstaltet haben.

Aber auch ganz persönlich konnte ich das erleben. Als junger Mensch stand ich am Kranken- und Sterbebett meiner Großmutter. Mein kurzes Gebet war: Herr, nicht wie wir wollen, sondern: Dein Wille geschehe! Diese Worte gaben mir Trost und Kraft. So habe ich dieses Lied mit seiner alten Melodie auch in mein Herz geschlossen.

In meinem Dienst erlebte ich auch traurige Situationen im Miteinander und im Leben der Gemeinde. Da half mir der Refrain von Thomas Egers Lied mit der Melodie von Jochen Rieger nach unserem Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch 344, Vers 8: »Vater im Himmel, erlöse uns, erlöse uns doch vom Bösen! Hilf heraus aus der Nacht der Macht! Rette uns vor dem Zerstörer! Vater im Himmel, erlöse uns, erlöse uns doch vom Bösen!«

Der Schlussvers von Martin Luthers Lied ist für mich der Höhepunkt. Die Gebetsverse zielen auf diesen Schluss und erhalten ihre Spannung bis zum Amen. »Amen, das ist: es werde wahr. Stärk unseren Glauben immerdar, auf dass wir ja nicht zweifeln dran, was wir hiermit gebeten han auf dein Wort, in dem Namen dein. So sprechen wir das Amen fein.« Das Amen ist unsere Antwort. Der Schlussvers ist für mich mein Credo.

Editha Weber
Gemeindepädagogin und Kantorin in Möckern

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 20/2012, 13. Mai 2012

 

6. Mai 2012

So ein fröhlicher Gesang steckt an

Gott solln wir fröhlich loben, der sich aus großer Gnad durch seine milden Gaben uns kundgegeben hat.
(Evangelisches Gesangbuch 243,6)

Dienstagabend, gegen 21.15 Uhr im Greizer ­Gemeindehaus. Ich probe mit dem Chor die große Fuge »Ehre, Lob und Preis sei dir, ewiger, ­gütiger Gott!« aus den »Jahreszeiten« von Haydn. Ich gebe den Einsatz, und nacheinander setzen alle Chorstimmen ein. Die gesungenen Töne sind ­richtig, doch das klangliche Ergebnis ist von einem ­Lobgesang weit entfernt!

Der Rhythmus ist ungenau, und ich merke, dass meine Choristen sichtlich müde von den Strapazen des Tages sind. Ich breche ab, setze mein strahlendstes Lächeln auf, verzichte auf musikalische Anweisungen, sondern zitiere lediglich die sechste Strophe des Liedes »Gott solln wir fröhlich loben …« Und siehe da: Der Satz beginnt zu swingen, und ich ertappe mich dabei, die Tenorstimme lautstark ­mitzusingen.

Nach diesem Erlebnis lese ich mir zu Hause den Text des Chorals der Böhmischen Brüder aus dem Gesangbuch von 1544 durch. Für mich sind in der sechsten Strophe drei Wörter besonders wichtig: »fröhlich«, »loben« und »Gnade«.

Ist es nicht so, dass mit Fröhlichkeit und Humor das Leben viel lebenswerter ist? Ist es nicht wunderbar, im Alltag für seine Mitmenschen ein gutes Wort zu haben? Fröhlichkeit steckt an und kann Menschen aus ihren »Tiefen« holen.

Werden wir nicht alle gern gelobt? »Loben« heißt für mich, sein Gegenüber zu würdigen und sein Tun zu bestätigen. Durch »Loben« gelingt es oft, seine Mitmenschen zu motivieren, weiterhin Gutes zu tun.

Gottes Gnade bedeutet für mich auch, dass ich fröhlich sein und loben kann und die Herausforderungen des Lebens im Vertrauen auf die Gegenwart Gottes mit Gelassenheit meistere. Ich bin davon überzeugt, dass wir Grund haben, Gott fröhlich zu loben. Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist das Singen des wunderbaren Chorals aus dem Gesangbuch Nr. 243!

Oliver Scheffels
Propsteikantor, Greiz

 

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 19/2012, 6. Mai 2012

 

 

29. April 2012

Den Anschluss verpasst?

Mit Freuden zart zu dieser Fahrt lasst uns zugleich fröhlich singen, beid, groß und klein, von Herzen rein mit hellem Ton frei erklingen.
(Evangelisches Gesangbuch 108,1)

Nein, unserer Lebenswirklichkeit entspricht dieser Text nicht mehr. Und ganz davon abgesehen, dass er schon in den ersten Versen von altertümlichen Wortverbindungen nur so strotzt, ist sein Versmaß derart stotternd, dass eine fließende Vertonung nur sehr schwer möglich erscheint. Sollen wir also auf die nächste Gesangbuchreform warten, die uns dies Lied hoffentlich ersparen wird?

Vor 24 Jahren saß ich als frisch immatrikulierter Kirchenmusikstudent in einer Vorlesung im Fach ­Liturgik. In einem inhaltlichen Abstecher in die Hymnologie bekamen wir zu hören, dieses Lied würde ein Auswendiglernen unbedingt lohnen und sollte nicht nur in der Osterzeit gesungen werden. Ich versuchte das Auswendiglernen und Meditieren – ohne Erfolg; mein Unverständnis galt nicht nur dem Lied, sondern auch dem ansonsten hoch geschätzten Dozenten.
Es ist trotzdem eins meiner Lieblingslieder. Mit ihm habe ich mich beworben, mit ihm gerungen in einigen Bearbeitungen für Chor oder Orgel, und ­geheiratet habe ich mit ihm auch. Aber es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass der Text eine neue ­Melodie gebrauchen könnte.

Ja, was denn nun? Bin ich selbst inzwischen der Lebenswirklichkeit entrückt? Habe ich mich in ­meiner festen Kirchen-Burg verbarrikadiert und den Zeit-geistlichen Anschluss verpasst? Ein Lied, das seit über 400 Jahren gesungen wird, hat sein Verbleiben in unserem Gesangbuch nicht der Trägheit von Gesangbuch-Kommissionen zu verdanken. Ein Credo, das seit 1800 Jahren gesprochen wird, ist vielleicht schon seit 1700 Jahren aus der Mode, aber noch heute aktuell. Mitunter muss ich mit unseren Texten ringen, bevor ich merke, dass sie gut sind und gut tun.

Wie lange muss ich mich abmühen, um einen Hauch von Verständnis spüren zu können? Sind 24 Jahre genug?

Sebastian Saß
Kirchenmusiker in Bernburg

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 18/2012, 29. April 2012

 

 

22. April 2012

Worauf ich mich verlassen kann

Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute, darin mir gar nicht mangeln wird jemals an einem Gute.
(Evangelisches Gesangbuch 274, Vers 1)


Verträge gehören zu unserem Lebensalltag und erfordern beidseitige Rücksichtnahme. Doch wie oft erfahren wir Vertragsbruch, sei es durch die persönliche Betroffenheit im Arbeitsleben oder in privaten Freundschaften. Enttäuschung und Bitterkeit machen sich breit: Auf wen kann ich mich noch verlassen? Was hilft mir in dieser Situation weiter? Jahrtausendealte Erfahrungen können und wollen uns Lebenshilfe sein.

Psalm 23 aus dem Gesangbuch des jüdischen Volkes gehört auch heute noch zu den sehr bekannten Texten der Bibel, zahlreiche Umdichtungen und Vertonungen machen die Beliebtheit des Textes deutlich. Zu den Vertrauensliedern des Psalters gehörend, ist Psalm 23 prägnant in seiner eindrucksvollen Bildersprache.

Das Wochenlied ist eine schlichte Ver-Dichtung des Psalms. Gott als der gute Hirte steht in den Versen 1 bis 4; er gibt den Menschen, die sich ihm anvertrauen, was sie zum Leben brauchen – in jeder Lebenssituation. Er geht mit uns durch »dick und dünn«. Gerade in ausweglosen Situationen ist Er bei uns. Vers 5 verweist auf Jesus, eine zur Entstehung des Textes übliche lutherische Interpretationspraxis.

Die von dem »Urkantor« Johann Walter stammende Melodie entstand 1524, schon vor dem Text. Sie führt uns durch Höhen und Tiefen – so wie auch unsere Lebenswege verlaufen.

Der »Sonntag des guten Hirten« (nach dem Psalm des Sonntags eigentlich »Die Erde ist voll der Barmherzigkeit des Herrn«) hat seinen guten Platz zwischen Ostern und Pfingsten. Der Gott des Alten Testamentes gibt uns das Lebensnotwendige und noch mehr.

Durch seinen eigenen Sohn schenkt er uns ein Leben bei ihm in alle Ewigkeit. Verstehen und Begreifen kann ich es nur, wenn ich mit seinem Heiligen Geist, dem »reinen Wasser« beschenkt werde. Es liegt an uns, wie wir mit diesem wunderbaren »Vertrags-Angebot« umgehen!

Annelies Merker
Kantorin i. R., Hermsdorf

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 17/2012, 22. April 2012

 

15. April 2012

Ohne Musik wäre ich Gott fern

Tod, Sünd, Leben und auch Gnad, alls in Händen er hat; er kann erretten alle, die zu ihm treten. Kyrie eleison.
(Evangelisches Gesangbuch 102, Vers 3)


Es ist dunkel, mir ist kalt und ich bin müde. So stehe ich wie in den vergangenen Jahren vor dem Eingangstor zur Autobahnkirche Hohenwarsleben. Es sind nur noch wenige Minuten der Stille, der Schatten und des Wartens. Worauf warte ich? Auf das erste Licht, das uns den Weg zur Kirche weist, den ersten Gesang des Chores, den dreimaligen Osterruf und das erste Stück Schokolade nach der Fastenzeit. Dabei erinnere ich mich an das letzte Gespräch am Abendbrottisch: »Mami, was kann man denn alles fasten? Geht auch Gemüse und Obst oder Flöte üben? Oder Klavier und Orgel spielen? Du kannst doch nächstes Jahr Musik fasten!« Musik fasten – wie würde das gehen?

Das würde heißen: keine Tisch- und Gute-Nacht-Lieder, keine Chorproben, mein Handy dürfte nicht klingeln, langweilige Autofahrten, kein Gang in den Keller, ohne mir Mut zuzupfeifen, kein Restaurant- und Kaufhausbesuch, keine Filme und Hörspiele, offizielle Anlässe wären undenkbar, Fußballspiele müssten ausfallen, mein Computer müsste ausbleiben … Ihnen fallen bestimmt noch weitere Dinge ein.

Für uns, die wir als »Ohrenmenschen« zur Welt gekommen sind, undenkbar. Es ist erwiesen, dass es keine Gesellschaftsform ohne ihre eigene Musik gab und gibt. Somit gehört sie zum Leben. Aber Musik kann noch mehr. Sie schafft das, was kein gesprochenes Wort kann: Stimmung! Sie kann Unsagbares ausdrücken, Grenzen überschreiten, Menschen verbinden, Gott erfahrbar machen – immer und überall. Ohne Musik wäre ich Gott fern. Ohne Musik könnte ich nicht leben, hätte keinen Lebenssinn.

Ostern treffen sich Tod, Sünde, Leben, Gnade in Gottes Hand. Die Osterbotschaft erscheint mir immer wieder unfassbar, unsagbar. Aber sie ist da, klingt und stimmt in mir und kein Zweifel an Gottes Rettung findet Platz. Diese Stimmung wünsche ich allen, die mit mir oder anderen Ortes in die Osterzeit gehen.

Konstanze Schlegel
Kantorin in Wolmirstedt

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 16/2012, 15. April 2012

 

8. April 2012

Herr! Herrlich! Halleluja!

    Erschienen ist der herrlich Tag,
    dran niemand g’nug sich freuen mag.
    (Evangelisches Gesangbuch 106,1
)

Herrlich! Was für ein herrlich schönes Wort für ein herrliches Ereignis. Zwei Worte stecken in diesem Wort – »Herr« und »ich«. Der Herr ist auferstanden – für mich – für uns – für alle. Herrlich!

Der Lutherzeitgenosse und Anhänger der Reformation Nikolaus Herman veröffentlichte dieses und andere Lieder 1560 unter dem Titel »Die Sonntagsevangelia über das Jahr in Gesänge verfasset für die Kinder und christlichen Hausväter«. Außerdem schuf er die Melodie zum Lied EG 79 zu seinem Text »Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du vom Tod erstanden bist« (EG 107).

Es ist nicht nur für Pfarrer, Katecheten und Kirchenmusiker eine Herausforderung, von der Todesbetrübnis des Karfreitags zum Himmelhochjauchzen am Ostersonntag zu kommen. Der mitfeiernden Gemeinde geht es garantiert ähnlich. Gut, dass unsere Altvorderen ihre Gefühle in Texten und Melodien festgehalten haben. Mit dem Gesang gelingt uns das Trauern und Jubeln.

Im Themenjahr »Reformation und Musik« wird in Hildburghausen zu jedem Gottesdienst ein Lied aus der Reformationszeit gesungen. Darum wird dieses Lied am Osterfest an der Liedertafel stehen. Was wäre Ostern ohne dieses Lied?

Jedes Jahr kommen die Schokoladenweihnachtsmänner und deren Osterhasenkollegen früher in die Läden. Dieses Phänomen beklagen wir mit Recht. Wenn es denn aus Vorfreude auf die bevorstehenden Feste wäre. Mit dem Wörtchen »herrlich« können wir unsere wahre (Vor)Freude ausdrücken. Wir verwenden es bedauerlicherweise nur noch selten in unserem Sprachgebrauch. Nutzen wir es doch einfach mal anstelle von cool oder super. So bekommen wir die Osterbotschaft nicht nur in unsere Sprache, sondern in unseren Alltag!

»Drum wollen wir auch fröhlich sein, das Halleluja singen fein und loben dich, Herr Jesu Christ; zu Trost du uns erstanden bist. Halleluja.« Herr! Herrlich! Halleluja!

Torsten Sterzik
Kirchenmusikdirektor in Hildburghausen

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 15/2012, 8. April 2012

 

1. April 2012

Nicht einfach das Leiden verdrängen

Herr Jesu, dir sei Dank für alle deine Plagen für deine Seelenangst, für deine Band und Not, für deine Geißelung, für deinen bittern Tod.
(Evangelisches Gesangbuch 87,1
)

In der Kirche im Diakoniewerk Halle gibt es ein eindrückliches Buntglasfenster. Es stellt den ­leidenden Christus dar mit Dornenkrone, Purpurmantel, Rohrstock in der rechten Hand und Blick mit halbgeöffneten Augen zum Himmel.

So, wie der »Schmerzensmann« häufiger in der Kunstgeschichte gezeigt wird, erscheint er auch in der Poesie des schlesischen Dichters Adam Thebesius, der vermutlich schon um 1638 den Text unseres Wochenliedes verfasst hat. Die Dichtung folgt ­einer Art Passionsbetrachtung, bezogen auf Jesaja 53,3-7 und die Berichte des Neuen Testaments.

Der Mann der Schmerzen, der Vir dolorum, steht im Zentrum der Betrachtungen. Die Melodie stammt nach neuesten Erkenntnissen vermutlich nicht von Martin Jan, einem gebürtigen Merseburger, sondern entstand schon Ende des 16. Jahrhunderts. Jan, der auch in Schlesien wirkte, hat sie nur bearbeitet.

Stilistische Elemente der Melodie sind typisch für das ausgehende 16. Jahrhundert. Dies gilt vor allem für die rhythmische Gestalt, die besonders an einen ruhigen Tanzsatz erinnert. Das Lied lässt sich wunderbar singen. In der Melodiebewegung herrscht eine große Ruhe, die man fast als kontemplativ ­bezeichnen könnte.

Sie entspricht damit auch der Affektlage des Textes und bildet eine erstaunliche Einheit zwischen Text und Melodie. Diese kontemplative Ruhe ist ­bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass das Lied in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges entstand.

Als Wochenlied der Karwoche hätten wir für ­jeden Tag bis Karsamstag eine Strophe, mit der wir singend oder betend das Leiden Christi bedenken können. In unserer heutigen Zeit sind wir oft dabei, dieses Leiden zu verdrängen. Mit Hilfe des Wochenliedes könnten wir innehalten und zur Ruhe kommen in unserem hektischen Alltag.

Tim-Dietrich Meyer
Kirchenmusiker in Halle

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 14/2012, 1. April 2012

 

 

26. März 2012

Wenigstens wollen können wir das

O Mensch, bewein dein Sünde groß, darum Christus seins Vaters Schoß äußert und kam auf Erden.
(Evangelisches Gesangbuch 76,1)

Na toll, weinen soll ich über meine Sünde und das Ganze dann auch noch besingen. Irritiert hat mich das schon als junge Sängerin. Da habe ich diesen Choral als Schlusschor (Teil 1) von Bachs Matthäuspassion mitsingen dürfen. Text, Melodie und Chor mit Orchester, das ging durch und durch.

Dass ich viel falsch mache, war mir klar – und das lag nicht nur an von mir erzeugten falschen Tönen. Jesus, der Tote zum Leben erweckt, Krankheiten heilt, Beziehungen ordnet und überhaupt alles richtig macht, der trägt die Folgen meiner Fehlentscheidungen, meines Versagens, die schwere Last am Kreuz – lange. Furchtbar! Und dabei singen wir die 21 Strophen, die den Passionsweg erzählen, gar nicht mehr. Nur die erste und letzte Strophe, eine eindringliche Mahnung, auf die Sünde zu verzichten, stehen noch in unserem Gesangbuch.

Das klingt, als hebe ein Lehrer den strengen Zeigefinger. Tatsächlich stammt die Dichtung von einem Schuldirektor, zugleich erster lutherischer Kantor an St. Sebald in Nürnberg. Sebald Heyden (1499–1561) veröffentlichte 1525 diese Nacherzählung der Leidensgeschichte Jesu, die »Große Passion« und wurde zum Schöpfer des ältesten evangelischen Passionsliedes überhaupt. Die Melodie stammt von Matthias Greiter (1490–1550), Kantor in Straßburg.

Trotzdem ist dieser Choral kein schönes Lied. Es ist ein Streitlied gegen unser Machtstreben, unsere Selbstüberschätzung – damals wie heute. Und doch ein großer Lobgesang auf Jesus, der es geschafft hat, mit unendlicher Liebe die Beziehung zwischen Gott und Menschen in Ordnung zu bringen. Und das gilt. Für immer. Und für jeden, der in diese Beziehung hinein will.

Zusammen mit dem, dessen »Wort so helle scheint«, ist es vielleicht zu schaffen, »der Sünde feind« zu sein. Wenigstens wollen können wir das. Alles andere hat er ja schon getan »wohl an dem Kreuze lange.« Was für ein wunderbarer, großer Gesang!

Christine Widiger
Kantorin in Blankenhain

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 13/2012, 25. März 2012

 

 

18. März

Zwischen Verzweiflung und Hoffnung

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim der aus dem Acker in den Morgen dringt – Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
(Evangelisches Gesangbuch 98,1)


Das Wochenlied für den Sonntag Lätare ist eines meiner Lieblingslieder. Es spricht mit klaren Worten. Vor meinen Augen erscheint ein Bild. Ich sehe Farben: braun getrocknete Blätter, einen grauen Himmel und schwarze Erde. Ich stehe auf dem Friedhof.

Die Gräber sind mit Tannenzweigen bedeckt. Ein paar Steckblumen geben ein Zeichen der Liebe. Ich spüre, wie mein Herz schwer wird. Tod und Leben, Trauer und Freude, Verzweiflung und Hoffnung.

Die Melodie dieses Liedes erklingt in meinem Ohr. Ein trauriger Klang vermischt sich mit überraschend fröhlichen Akkorden. Die Melodie bewegt sich nach oben und senkt sich gleich wieder wie eine Verbeugung. Sie bewegt sich vorwärts und bleibt im Fluss. Ich spüre, wie mein Herz sich an die Bewegung anschließt. Ich gehe mit.

Auf dem halben Weg durch die Passionszeit liegt der Sonntag Lätare. Er hat seinen Namen aus der Bibel: »Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich alle« (Jesaja 66,10). Wir werden an diesem Sonntag daran erinnert, dass wir auf Ostern zugehen. »Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.« Wir bewegen uns mit Jesus auf einem Weg der Hoffnung, und wir können uns freuen, denn Jesus wird sterben wie ein Weizenkorn und wird auferstehen am dritten Tag!

Dieses Lied macht uns Hoffnung und gibt uns Trost auf unserem Lebensweg! Im englischen Originaltext heißt es in der letzten Strophe: »Wenn wir trauern oder Schmerz empfinden, kann deine Berührung uns wieder ins Leben rufen.« Wieder erscheint vor meinen Augen ein Bild. Ich stehe auf dem Friedhof. Alles blüht und lebt. Die Grabsteine glitzern im Sonnenschein. Du lebst, so lebe auch ich!

Sarah Herzer
Kantorin an der Schlosskirche und am Predigerseminar in Wittenberg

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 12/2012, 18. März 2012

 

11. März

Dass wir auch gerne vergeben

Du schöner Lebensbaum des Paradieses,
gütiger Jesus, Gotteslamm auf Erden.
(Evangelisches Gesangbuch 96,1)

In Grimms Märchen von der weißen Schlange bringt der goldene Apfel vom Baum des Lebens einem Menschenpaar Glück und Zufriedenheit. Für Adam und Eva hingegen hat der Genuss der Frucht vom »verbotenen« Baum der Erkenntnis fatale Folgen: den Ausschluss aus dem Paradies.

Nur noch in Visionen (Jesaja 11, Offenbarung 2,7) wird die Sehnsucht wachgehalten, bis ein wunderbares Ereignis alles verändert: Der Tod, der Sünde Sold, wird überwunden durch den einen Menschen, Jesus Christus! So darf ich mich freuen am neu grünenden Baum im wieder aufgeschlossenen Garten Eden: an den Blättern und Zweigen seines ewigen Wortes, an den Früchten seiner Heilstaten und Wunder, an Stamm, Wurzeln und Krone seines ­Heiligen Geistes vom Himmel.

Ein ungarisches Lied aus dem 17. Jahrhundert findet bewegende Worte für die Qualen des Opferlammes. Es ist das Verdienst des 2002 verstorbenen ehemaligen Frankfurter Propstes und Autors vieler neuer Kirchenlieder, Dieter Trautwein, unter Beibehaltung der sapphischen Strophenform, den Inhalt so ins Heute transformiert zu haben, dass uns am Sonntag Okuli die Augen geöffnet werden für die Passion als Erlösungsweg.

Seit dem Sündenfall leben wir nicht mehr in ­Einklang mit der Natur. Vielmehr leidet diese unter unseren Ansprüchen und Eingriffen. Das Gebet des Dichters um Wandel von Grund auf (EG 96,3) soll auch mein Gebet sein und alle Menschen der Welt müssten es beten. Weil darin auch ein Aufruf zu ­erkennen ist, sich vom verschwenderischen ­Lebensstil abzukehren.

Außerdem wird darin die Gewissheit deutlich, dass bei aller Schwere vormals erlittenen Unrechts Beziehungen geheilt werden können durch die Vergebung, wie sie Jesus praktiziert hat. So kann ich dieses Lied singen, mit allen Heiligen im Chor und im Hinblick auf Ostern, mit Aussicht auf Frieden und immerwährende Freude.

Gottfried Steffen
Kantor i. R. in Sömmerda

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 11/2012, 11. März 2012

 

4. März

Dann ist Rettung in Sicht

Wenn wir in höchsten Nöten sein und wissen nicht, wo aus noch ein, und finden weder Hilf noch Rat.
(Evangelisches Gesangbuch 366,1)

Johann Sebastian Bachs »Orgelbüchlein« war und ist für »anfahende Organisten« (wie Bach selbst schreibt) eine praxisnahe Orgelschule. Auch ich durfte als Jugendlicher im Unterricht in der Zeitzer Michaeliskirche viele dieser kunstvollen ChoralBearbeitungen spielen. Das Vorspiel zu »Wenn wir in höchsten Nöten sein« sprach und spricht mich in ganz besonderer Weise an.

Dichter des Liedes war 1566 der Wittenberger Professor Paul Eber, Stadtpfarrer in der Nachfolge von Johannes Bugenhagen und Generalsuperintendent. Er übersetzte und bearbeitete dazu eine lateinische Vorlage von Joachim Camerarius, der zu seiner Zeit als berühmter Wissenschaftler galt und die Biografie Melanchthons schrieb. Johann Baptista Serranus (Seeger) schuf 1567 die Melodie. Das Lied entstand zur Zeit der Türken- und Pestgefahr sowie des sich anbahnenden Schmalkaldischen Krieges.

Inhaltlich schwingen Zitate aus dem 107. Psalm mit: »Die zum Herren riefen in ihrer Not« oder »und er errettete sie aus ihren Ängsten«. Inhaltliche Verwandtschaften hat das Lied auch mit dem Luther- Choral »Aus tiefer Not schrei ich zu dir«. Diesem liegt der 130. Psalm »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir« zugrunde.

Bis heute gibt es oft Gelegenheit, an dieses Lied zu denken oder Strophen daraus zu singen. »Wenn uns Leid begegnet, sehnen wir uns nach einem Zeichen Gottes. Dabei wurde es uns gerade zuteil«, schrieb die amerikanische Autorin Mignon McLaughlin. Leid entsteht meistens dann, wenn Menschen Gottes Ordnung stören, Hass säen oder Raubbau an der Natur betreiben.

Gott gibt uns dann Zeichen zur Umkehr, die wir wohl auch in Form von Leid und Not spüren. Wenn wir versuchen, es besser zu machen, (»gehorsam sein nach deinem Wort«, wie es in der 7. Strophe heißt), ist Rettung in Sicht, für uns selbst und für ­unsere Erde.

Matthias Böhlert
Kirchenmusikdirektor in Salzwedel

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 10/2012, 4. März 2012

 

26. Februar

Von Anfang an Beschenkte

    Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ.
    (Evangelisches Gesangbuch 347,1)


In einer Gesellschaft, die die Ware Arbeit vielerorts zum politischen Druckmittel herabwürdigt, kann ich einem Beruf nachgehen, der mich allwöchentlich musizierend mit zahlreichen Menschen aller Generationen verbindet. Da ist es kein Wunder, dass ich mir unter dem eher altmodischen Wort Gnade etwas vorstellen kann. Und dennoch muss auch ich darauf achten, dass das Bewusstsein für dieses ­Geschenk nicht zu oft durch das Alltagsgeschäft ­verschüttet wird.

Vielleicht nimmt sich deshalb die von gleichmäßigen Viertelnoten dominierte Melodie unseres Wochenliedes am Anfang einer jeden Strophe eine ausgedehnte Halbenote Zeit für das Wörtchen »Ach«, nicht um der uns gern nachgesagten Leidenschaft für’s Jammern ein Podium zu geben, sondern um uns darauf aufmerksam zu machen, dass es für uns wichtig ist, regelmäßig achtsam innezuhalten und ganz bei uns zu sein.

Damit wir das, was in uns und um uns passiert, richtig einordnen können. Damit unter den zahllosen Eindrücken immer genug Raum für die Erkenntnis in uns ist, dass wir vom ersten Atemzug an Beschenkte des Lebens sind. Auch wenn wir gerade die wichtigsten Dinge nicht aus eigener Kraft festhalten können.

Die Formulierung »bleib mit deiner Gnade bei uns« setzt es klar voraus: Die wohlwollende Zuwendung, so wird das Wort im Internet erklärt, ist längst bei uns. Es geht also darum, das Vertrauen in uns zu stärken, dass dieser schwer fassliche Zustand in allen Situationen unseres Lebens tragen kann.

Ich bin sicher, dass die eigene Kraft in manchen Zeiten dafür nicht ausreicht. Manchmal muss dieses Geschenk auch durch die persönliche Zuwendung anderer Menschen erlebbar werden.

Verschiedentlich können auch wir solche Menschen sein und einem wachen Blick dafür sollte unser Innehalten ebenfalls dienen. Und schließlich: Das Lied zeigt, dass singen auch beten ist.

Jens Goldhardt
Propsteikantor und Kirchenmusiker in Gotha

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 9/2012, 26. Februar 2012

 

 

19. Februar

Hier und heute Verantwortung übernehmen

Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem ­Vorbild folgen nach, in der Welt der Welt entfliehen auf der Bahn, die er uns brach.
(Evangelisches Gesangbuch 384,1)

Nein, ich will nicht der Welt entfliehen; ich will nicht immer schon zum Himmel reisen! Seinem Vorbild nachzufolgen ist ein ganz und gar ­irdisches, alltägliches Geschehen. Dazu gehört die Liebe, mit der ich anderen begegne genauso wie mein Wille, den täglichen Anforderungen gerecht zu werden.

Ich halte das nicht nur für legitim, sondern gottgewollt. Jeden Tag in der Nähe Gottes zu sein, Jesus und mit ihm viele andere Menschen als Gottes-Ebenbilder an meiner Seite zu wissen, das bedeutet für mich, auf Erden schon dem Himmel nahe zu sein. "Treuer Jesu, bleib bei mir, gehe vor, ich folge dir."

"Lasset uns mit Jesus leiden, seinem Vorbild werden gleich" – Nein, ich will nicht unglaubwürdig werden, denn ich leide nicht wirklich und ich werde nicht einfach so leiden; auch bin ich nicht arm und werde meine Habe nicht einfach so aufgeben. Das Bedenken des Passionsgeschehens heißt nicht, Leidenssehnsucht zu entwickeln. Es bedeutet für mich vielmehr, fremdes und eigenes Leid, da wo es auftritt, ernst zu nehmen, Geduld aufzubringen und Geduld zu erfahren, Hoffnung zu wecken und Hoffnung zu spüren, zu trösten und mich trösten zu lassen, damit ich auch stellvertretend beten kann: "Jesus, hier leid ich mit dir, dort teil deine Freud mit mir."

"Lasset uns mit Jesus sterben" – Nein, ich möchte noch nicht sterben, ich werde auch meinen Leib nicht töten. Im Gegenteil: Ich habe hier Verantwortung für dieses Leben und werde deshalb meinen Leib versuchen gesund zu erhalten, nicht nur medizinisch. Ich will nicht der Gefahr erliegen, auf mein körperliches und seelisches Wohlbefinden keinen Wert zu legen.

Aber ich versuche mein Leben so zu gestalten, dass ich, wenn die Zeit kommt, mit der Hoffnung auf das Leben bei Gott sterben kann: "Jesus, dir ich lebe hier, dorten ewig auch bei dir" (EG 384,4).

Beate Besser
Propsteikantorin und Kirchenmusikerin in Schönebeck

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 8/2012, 19. Februar 2012

 

 

12. Februar

Damit wir auch heute den Boden bereiten

Dass wir nicht Hörer nur allein des Wortes, sondern Täter sein, Frucht hundertfältig bringen.
(Evangelisches Gesangbuch 196,2)

Das Gleichnis vom Sämann im Lukasevangelium beschreibt David Denicke in seinem Lied. Ein Mann sät seinen Samen in viererlei Boden. Einige Samen fallen auf den Weg und werden zertreten, manches fressen die Vögel auf. Anderes fällt auf Felsen und kann dort nicht wachsen, weil es zu wenig Feuchtigkeit bekommt. Und einiges fällt mitten unter die Dornen und wird dort erstickt. Doch mancher Samen fällt auf gutes Land und kann wachsen und Frucht bringen. "Wer Ohren hat zu hören, der höre!" – Mit diesen Worten endet das Gleichnis.

Der Liederdichter, studierter Rechtswissenschaftler und Philosoph, lebt im Zeitalter des Barock. Der christliche Glaube wird in dieser Zeit sehr ernst genommen. Die Geschichte ist bekannt. Der Glaube spiegelt sich in allen Lebensbereichen wider. Auf der einen Seite die Lebenshaltung des "Carpe diem", "Nutze den Tag", auf der anderen das "Memento Mori" – "Denke daran, dass du sterben musst".

Bedrückende gesellschaftliche Verhältnisse sind an der Tagesordnung. Prunk, Lebensgenuss und Völlerei werden vom mächtigen Adel negativ vorgelebt. Der 30-jährige Krieg hat viele Tausend Menschenleben gekostet und das Land war vielerorts verwüstet.

Einzig Glaubensbilder und Geschichten der Bibel sollen den Menschen nahe sein. Sie können Trost geben und Hoffnung machen, dass die Lebensumstände, in welchen sie jetzt leben, nicht das Letzte sein werden. Gottes Worte wirken weiter. Das war dem Liederdichter wichtig.

Vielleicht sind uns heute die beiden Grundstimmungen aus der damaligen Zeit gar nicht so fremd. Als Christen können wir in den alten Geschichten der Bibel immer wieder ein kritisches und Mut machendes Korrektiv finden für unsere Zeit. "Wer Ohren hat zu hören, der höre!", damit wir einen Boden bereiten, auf dem Glaube und Gerechtigkeit für die uns anvertraute Welt gedeihen kann.

Pastorin Gabriele Schmidt, Eisenach

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 7/2012, 12. Februar 2012

 

5. Februar

Worauf es im Glauben ankommt

Daran ich keinen Zweifel trag, dein Wort kann nicht betrügen.
(Evangelisches Gesangbuch 342,5)

"Martin Luther hat mit seinen Liedern mehr Seelen ermordet als mit seinen Schriften und Predigten." – Das behauptete ein Jesuitenpater im 17. Jahrhundert, und von ihm aus gesehen hat er Recht gehabt! Die Reformation hat sich vor allem durch den Gemeindegesang verbreitet.

Reformation: das war Glauben zum Lesen, zum Hören und zum Singen. So auch das Lied von Paulus Speratus (1484–1551) "Es ist das Heil uns kommen her …" – Mit diesem Lied kann sich jeder und jede leicht merken, worauf es im christlichen Glauben ankommt: Auf Christus kommt es an – nicht auf mich: "Mein guten Werk, die galten nicht … zur Hölle musst ich sinken."

Der Glaube ist dadurch bei sich selbst, dass er sich ganz auf Christus verlässt. Und weil Gott alles für mich getan hat, darum brauche ich nichts mehr für ihn zu tun. Und alles, was mir an Kraft, an Fantasie, an Möglichkeiten bleibt, das kann und darf ich meinem Nächsten zugutekommen lassen, dem Menschen, der mich hier und jetzt braucht. Und es gibt nahe Menschen, die mich brauchen, und es gibt ferne Menschen, die mein Gebet brauchen, mein Interesse, mein Geld!

Geistliche Lieder, das ist Glauben, den man singen kann. Liedstrophen kann man sich gewöhnlich leichter merken als Bibelverse. Und weil sich die Texte mit Melodien verbinden, darum nehmen die Melodien sie mit in das Herz.

Eine Kirche, die das Singen aufgibt, gibt sich selber auf. Eine Kirche, die sich ihre Musik nur noch vom mp3-player holt, hat sich abgewickelt. Nicht die Musik als solche ist es, die die evangelische Kirche kennzeichnet, es ist der Gemeindegesang, durch den der Herr den Glauben weckt, stärkt und erneuert:

"Daran ich keinen Zweifel trag, / dein Wort kann nicht betrügen. / Nun sagst du, dass kein Mensch verzag / – das wirst du nimmer lügen –: / Wer glaubt an mich und wird getauft, / demselben ist der Himmel erkauft, / dass er nicht werd verloren." (EG 342,5).

Martin Filitz
Senior des Reformierten Kirchenkreises

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 6/2012, 5. Februar 2012

 

29. Januar

Ein frühes Liebesbekenntnis

Lass uns in deiner Liebe und Kenntnis nehmen zu, dass wir am Glauben bleiben.
(Evangelisches Gesangbuch 67,3)

Manche Dinge ändern sich wohl nie. Der Ruf nach der Bestärkung im Glauben zählt ganz sicher dazu. Die junge Elisabeth Cruciger, Verfasserin unseres Wochenliedes, war die erste evangelische Lieddichterin.

Geboren um 1500 als Elisabeth von Meseritz, wuchs sie in einer pommerschen Adelsfamilie auf; wie damals nicht unüblich, kam sie schon als Kind in das Prämonstratenserinnenkloster Marienbusch bei Treptow an der Rega. Dort lernt sie Johannes Bugenhagen kennen, der, begeistert von der neuen Lehre Luthers, im nahegelegenen Männerkloster unterrichtet.

Viele Menschen zieht er in seinen Bann, so auch Elisabeth von Meseritz. Als er Pommern verlässt, folgt ihm Elisabeth nach Wittenberg. Dort wird sie von der Familie Bugenhagens aufgenommen. Sie findet in ihrem Glauben an Jesus Halt in dieser schweren Zeit, die sie als entlaufene Nonne durchmacht. Sie sucht gemäß der neuen Lehre einen direkten Zugang zu Gott – ohne Umweg über Priester und Heilige.

In dieser Zeit entsteht der Text des Liedes. Gott hat Jesus aus Liebe zu uns Menschen gesandt, und in dieser Liebe sollen die Menschen Jesus erkennen und ihn lieben, seine »Süßigkeit im Herzen« schmecken. Er soll ihr Liebster sein, nach dem sie sich stets verzehren sollen. Mit diesem Liebesbekenntnis schrieb Elisabeth das erste Jesuslied der evangelischen Kirche.

Martin Luther ist von dem Lied so angetan, dass er es 1524 im Wittenberger Chorgesangbüchlein, einem der ersten evangelischen Liederbücher, veröffentlicht – anonym, denn es ist noch nicht üblich, dass sich Frauen zu religiösen Themen äußern. Elisabeth verlässt 1524 die Familie Bugenhagen und heiratet den Theologen und Lutherschüler Caspar Cruciger, mit dem sie zwei Kinder haben wird. Als sie 1535 stirbt, ist sie eine der Mütter der Reformation.

Laura Schildmann
Kirchenmusikerin in Bad Frankenhausen

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 5/2012, 29. Januar 2012

 

22. Januar

Was lässt den Funken überspringen?

    Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all, lobt Gott von Herzensgrunde.
    (Evangelisches Gesangbuch 293,1)


Auch die Heiden? Das Lied für diese Woche gehört mit seinen zwei Strophen nicht gerade zu den Zeitblockern im Gottesdienst. Das ist kein Wunder: Der Psalm 117 ist der kürzeste des Psalters, von Joachim Sartorius 1591 meisterhaft nachgedichtet. Ich habe das Lied schon als junger Mensch gern gesungen. Das macht die schwungvolle Melodie von Melchior Vulpius, dem wir auch den Satz »Hinunter ist der Sonnen Schein« zu verdanken haben.

Bei den oben erwähnten Heiden muss ich an die Christenlehrezeit zurückdenken, an jenen demütigen Afrikaner auf der Spendendose, den ein Vers darauf als »armen Heidensohn« bezeichnete und der nickte, wenn ein Geldstück eingeworfen wurde. Der Psalmbeter meinte wohl mit Heiden alle Nichtjuden, unser Textautor alle Ungetauften – also die »noch nicht dazugehören«. Das sind in meiner Stadt über 90 Prozent der Menschen. Aber warum sollen die Gott aus Herzensgrunde loben?

Davon singt die zweite Strophe: Barmherzigkeit, Wahrheit, Gnade und Gütigkeit sind Dinge, die Gott allen, nicht nur uns Insidern, bis in alle Ewigkeit überreichlich erweist – damals wie heute. Begreifen wir das? Da fällt mir jenes Video auf Youtube ein, wo eine Frau in einem amerikanischen Konsumtempel laut Händels »Halleluja« ins Handy singt und viele mit einstimmen. Warum tun die das? Weil Händels Musik so cool ist? Was lässt hier den Funken überspringen? Ich kann mir so eine Situation bei uns kaum vorstellen. Trotzdem wäre es genau das, wovon wir im Wochenlied singen.

Andererseits: Haben wir als Insider das Gotteslob gepachtet oder was tut der Männerchor (deren Sänger ich vor 25 Jahren als erklärte Atheisten kennenlernte), wenn er in der Adventszeit »Kommet ihr Hirten« singt? Es ist wohl so, dass die Mission weniger im Gottesdienst oder in den innerkirchlichen, oft mit Aufwand und Liebe vorbereiteten Veranstaltungen passiert, sondern da, wo wir es kaum erwarten. Sollen wir dann auch noch »Halleluja« singen? Gerade dann!

Christoph Noetzel
Kreiskantor im Kirchenkreis Merseburg

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 4/2012, 22. Januar 2012



15. Januar

Den Glauben hinausposaunen in die Welt

    Gottes Sohn ist kommen uns allen zu Frommen hier auf diese Erden.
    (Evangelisches Gesangbuch 5,1)


Gottes Sohn ist kommen; ja, er kam, wie alle Menschen: Nackt, unschuldig, wehrlos lag er da in der Krippe, uns allen zu Frommen. Nein, er kam nicht nur für die Frommen; nicht nur für die Juden; er kam für alle Menschen. Sowohl Hirten als auch Weise aus dem Morgenland kamen zu dem neugeborenen Kind. Die, die sich aufmachten, um dem predigenden Jesus nachzufolgen, waren Fischer, Zöllner, einfaches Fußvolk, keine studierten Theologen.

Wer das Kind in der Krippe recht erfassen will, muss zuvor arm werden. In unserem Leben gibt es viel zu viel unnützes, profanes, Zeug, das wir für das eigentliche Leben gar nicht brauchen und was uns abhält, unsere Beziehung zu Gott noch inniger werden zu lassen.

Gott hat uns durch Jesus von der Sünde entbunden. »Heut schließt er wieder auf das Tor zum schönen Paradeis«, singen wir zu Weihnachten. Wir sind erlöst, frei. Leben wir es? Können wir, kann das unser Verstand fassen? Welche (Berge versetzende) Kraft müsste durch solchen Glauben entstehen. Wir müssten viel mehr jubelnd durch diese Welt laufen, um andere Menschen anzustecken von dem neuen Leben, das Jesus uns schenkt.

Ich habe den Eindruck, dass Gottes Geist in der Kirche in Europa gar nicht recht zur Entfaltung kommen kann, weil wir es verhindern. Wir nehmen uns zu wenig Zeit für (gemeinsame) Gebete, das Bibellesen, den Gottesdienst. Von 168 Stunden in der Woche bleibt nur eine Stunde für den Gottesdienst. Aber die Klöße müssen um 12 Uhr auf dem Tisch stehen! Wann erzählen Christen untereinander von den Erlebnissen mit Gott?

Wie das Lied der vorigen Woche, so ist auch dieses Lied der Böhmischen Brüder ein Glaubensbekenntnis. Sie sangen ihre Lieder einstimmig a-capella im Stehen. Wir müssen wieder lernen, beim Singen in unseren Gottesdiensten aufzustehen, damit die Stimme ordentlich klingen kann und wir unseren Glauben hinausposaunen in diese Welt!

Hartmut Meinhardt
Stadtkantor in Bad Salzungen

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 3/2012, 15. Januar 2012

 

8. Januar

Wie ein Gruß aus ferner Zeit

O süßer Herre Jesu Christ, der du unser Erlöser bist, nimm heut an unsre Danksagung – aus Genaden!
(Evangelisches Gesangbuch Nr. 68)

Ein wirklich uraltes Lied … und dann noch »süßer« Jesus – wo wir doch gerade erst die zuckerigen Lieder »Stille Nacht« oder »Süßer die Glocken nie klingen« hinter uns gelassen haben! Und doch: Ich liebe dieses Lied mit seiner schwebenden Melodie, seiner unbeholfenen Silbenzählung und dem ausdrucksstarken Text: »süßer«, nicht »lieber« muss es heißen!

In acht kurzen Strophen dichtete der Böhmische Bruder Michael Weiße (1488–1534) ein nachweihnachtliches Lied, welches den Dank für die Menschwerdung Christi mit dem Ausblick auf seinen Leidensweg und die Existenz der Kirche auf Erden und im Himmel verbindet – und das alles echt reformatorisch: »aus Genaden«.

Die Melodie ist ein altkirchlicher Hymnus. Würde man sich dazu bewegen, käme ein Schreiten und Hüpfen heraus, eine Wendung und Verbeugung vor dem Licht, das in die Welt gekommen ist. Als ­Organistin mag ich die Bearbeitung dieses Liedes von Volker Bräutigam in seinen »Präludien über Weihnachtslieder«, die dieses schwebende Metrum aufnimmt, Motive des Chorals spielerisch verändert und schließlich die Bodenhaftung herstellt.

Eines von 157 Liedern des »Böhmischen Gesangbuches«, des umfangreichsten reformatorischen Liederbuches, grüßt uns da aus fernen Zeiten, die uns durch die Besinnung auf das anstehende Reformationsjubiläum wieder nähergebracht werden. Weiße hat Kontakt zu Martin Luther gepflegt. Nachweislich kannte Luther seine Lieder und übernahm einige in sein Wittenbergisches Gesangbuch.

Ich möchte mir vorstellen, dass er unser Lied zur Lautenbegleitung im Kreise seiner Familie und Schüler in der weihnachtlichen Stube sang – mit dankbarem Herzen für die Geburt Jesu, des süßen (nicht süßlichen) Christkindes. Lassen wir uns vom Danken für unsere Erlösung anstecken und das neue Jahr mit Freude und in Freiheit beginnen!

Martina Apitz
Kirchenmusikdirektorin in Köthen

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 2/2012, 8. Januar 2012


1. Januar

Damit wir sicher schreiten

Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen.
(Evangelisches Gesangbuch 64,1)

Eigentlich kann man hier nicht Schluss machen mit dem Text von Jochen Klepper, der uns zum Jahreswechsel entgegenkommt, denn Gedichte sind keine Steinbrüche, sie müssen bis zum Ende gelesen, Lieder erst recht zu Ende gesungen werden. Welche Melodie klingt in Ihnen beim Lesen dieses Textes? Die aus dem alten EKG aus reformatorischer Zeit, die noch immer viel gesungen wird, oder die 1960 von Siegfried Reda eigens zum Text komponierte aus dem aktuellen Gesangbuch?

Beide passen hervorragend zu Kleppers Gedicht, nachdenklich, ein bisschen schwermütig, beides keine »Eintagsfliegen-Melodien«. Und doch empfinde ich: Die neue Melodie ist näher dran an dem, was der Dichter zu sagen hat!

Obwohl Klepper eigentlich schon verboten war, konnte sein 1937 entstandenes Gedicht am Neujahrstag 1938 in der »Deutschen Allgemeinen Zeitung« abgedruckt werden. Unendlich weit entfernt scheinen wir und unsere »Lasten« von denen der ausgehenden 1930er Jahre. Oder kann man Lasten nicht gegeneinander aufwiegen? Was drückt uns?

Die persönlichen Sorgen um die Liebe(n) im Familien- oder Bekanntenkreis, das Unerledigte des vergangenen Jahres, Bruchstückgebliebenes, alles, was so anders werden sollte, aber da standen die Zwänge dagegen – von den Lasten unserer Welt, Gewalt, Katastrophen, Klimawandel, Wohlstandssucht, Gier gar nicht erst anzufangen …

Die Zeile »und wandle sie in Segen« ist bei Reda ein Melodoiezitat: »Ich bitt, erhör mein Klagen« singen wir genauso in EG 343. Sicher kein Zufall. Unsere Lasten dürfen Gott geklagt, bei ihm abgeladen werden.

»Du« ist das am häufigsten verwendete Wort im Klepper-Text, du, der Ewige, du, der Schöpfer unseres Lebens, du, der Gnade verleiht, du, der Vollender.

Unsere Zwiesprache mit Gott, unser Gebet, unsere Bitte für 2012 »und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten«.

Dietrich Ehrenwerth
Landeskirchenmusikdirektor, Erfurt

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 1/2012, 1. Januar 2012

 

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